Montag, 4. Juli 2016

[Rezension] Mich hat Auschwitz nie verlassen - Susanne Beyer und Martin Doerry

Überlebende des Konzentrationslagers berichten.



Seitenanzahl: 284 Seiten
Verlag: SPIEGEL Buchverlag
Preis: 29,99 €
Genre: Erfahrensberichte
Einband: Hardcover
Erscheinungsdatum: 21. September 2015
Wertung: ♥♥♥♥♥
Reihe: Nein
*Rezensionsexemplar*






Vorab möchte ich auch hier darauf hinweisen, dass ich mir keine Meinung über das Leben bzw. das Überleben der interviewten Personen anmaße. Ich bewerte in dieser Rezension lediglich die Aufmachung des Buchs und die Umsetzung. Die Geschichten der betroffenen Personen sind ihr Allerheiligstes, ihr Inneres, ihre Vergangenheit, die sie auch heute noch immer wieder einholt.

Klappentext
Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Soldaten das Konzentrationslager Auschwitz. Mehr als eine Million Menschen waren hier von den Nationalsozialisten ermordet worden; nur wenige Gefangene kamen mit dem Leben davon. Diejenigen, die die Lagerhaft überlebten, konnten oder wollten in den Jahren nach der Befreiung meist nicht über ihre Erlebnisse sprechen. Sie fühlten sich außer Stande, über die Exzesse der Entwürdigung, die sie in Auschwitz erfahren mussten, zu reden, oder sie fanden für ihre Erinnerungen kein Gehör.
Weltweit haben SPIEGEL-Redakteure und -Mitarbeiter nun ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers besucht und befragt, Susanne Beyer und Martin Doerry haben diese Berichte in einem Buch zusammengestellt. Die beeindruckenden Schilderungen der letzten überlebenden Zeugen von Auschwitz werden reich bebildert mit Porträts, die die Fotografen Sara Lewkowicz und Dmitrij Leltschuk für diesen Band anfertigten

Meine Meinung
Ich bin stark interessiert an dieser dunklen Vergangenheit unseres Landes. Ich informiere mich so oft und so viel ich kann, sammele Berichte, Bücher und lese mich in die Leben der Betroffenen ein. Ich empfinde Mitleid, versuche das Geschehene zu begreifen, zu verstehen. Zu verstehen, was Menschen zu so etwas treiben kann. Zu verstehen, wie es danach weiterging, wie die Menschen nicht nur überleben, sondern auch weiterleben konnten. Der SPIEGEL hat hier viele Nachforschungen angestellt und zeichnet mit diesem Buch ein Porträt von Gezeichneten.
Insgesamt wurden 20 Zeitzeugen, Überlebende des KZ Auschwitz interviewt. Allesamt hatten sie grausame Geschichten zu erzählen - wahre Geschichten, die manche immer noch bis in den Schlaf verfolgen. Das Buch enthält zu jedem der Zeitzeugen mehrere Fotografien. Dabei handelt es sich um aktuelle Fotos, die zum Zeitpunkt des Interviews aufgenommen wurden, aber auch um private Aufnahmen der Überlebenden. Das verleiht dem Buch eine gewisse Nähe. Man liest nicht nur die Namen der Menschen, man sieht sie. Sie sind keine Nummer, nicht nur Buchstaben. Man bekommt eine direkte Verbindung zu ihnen.
Zu Beginn jedes neuen Kapitels, jedes neuen Erfahrungsberichts, sieht man ein aktuelles Porträt der interviewten Person. Dazu ein kleines Zitat mit einer kurzen Einleitung. Jedes einzelne dieser grausamen Schicksale wird erneut erzählt. Eine Tochter, die ihre Mutter nicht alleine lassen wollte und daher freiwillig mit ins KZ ging. Grausame Todesmärsche die Abertausende das Leben kostete. In den Krematorien arbeiten, schlafen, die einem bekannten Leichen verbrennen. Die Ungewissheit, was mit den Eltern geschah - vermutlich liegen sie in einem Massengrab. Tattowierte Nummern auf Unterarmen, die zwar verblassen, aber nie verschwinden werden. Furchtbare und ergreifende Schicksale. Diese ganze Last liegt auf den Schultern der Überlebenden.
Mir trieb es oft die Tränen in die Augen. Diese Geschichte stecken voll Leid und Schmerz. Diese Menschen überlebten eine Grausamkeit, die die Menschheit selbst zu verantworten hat.
Im Anschluss an die Zeitzeugenberichte findet sich auch noch eine Übersicht mit Kurzbiografien. Hier lässt sich der Werdegang nach dem Grauen nachlesen. Außerdem bekommt man auch eine Übersicht über die Autoren und Fotografen.
Besonders wichtig finde ich, dass die Geschichten von den Autoren lediglich wiedergegeben werden. Hier werden keine Ergänzungen gemacht, sodass man das Gefühl bekommt, man selbst spräche mit den Menschen.

Für mich ist es wichtig zu ergänzen, dass wir diese Zeit niemals vergessen dürfen. Wir müssen hinterfragen, nachforschen und vorallem sind wir in der Pflicht. Wir haben die Verantwortung, dass so etwas nie wieder passieren darf. Für damalige Taten sind wir nicht verantwortlich. Daran tragen wir keine Schuld. Dennoch darf das Geschehene nie vergessen werden. Es muss uns ein Mahnmal sein, zu was Menschen fähig sein können. Es bleiben mit der Zeit nicht mehr viele Menschen übrig, die man nach Geschehenem fragen könnte. Diese Dokumentation der Berichte der Zeitzeugen ist also umso wertvoller für uns und folgende Generationen.

Du wirst überleben, und du wirst erzählen.
Erna de Vries



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen